Demografinnen und Demografen projizieren seit Langem Veränderungen in der Größe und Altersstruktur von Bevölkerungen, haben aber der Frage, was diese Veränderungen für die Struktur familiärer Netzwerke bedeuten, vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Verwandtschaftsstrukturen sind grundlegend für informelle Unterstützungssysteme, denn der Austausch von Pflege, finanziellen Transfers und emotionalem Beistand hängt davon ab, ob lebende Verwandte vorhanden sind. Zu verstehen, wie der demografische Wandel Verwandtschaftsnetzwerke umgestaltet, ist daher unerlässlich, um die Verteilung von Pflege und Unterstützung innerhalb von Gesellschaften vorausschauend abschätzen zu können.
Neuere Fortschritte in der Verwandtschaftsdemografie ermöglichen es, die Zahl sowie die Geschlechts- und Altersstruktur biologischer Verwandter mit Methoden der formalen Demografie zu modellieren. Diese Modelle zeigen, wie Veränderungen von Fertilität, Sterblichkeit und Migration familiäre Netzwerke über Generationen hinweg und im Zeitverlauf umformen. So verringert ein anhaltender Geburtenrückgang die Verbreitung horizontaler Verwandter wie Geschwister sowie Cousins und Cousinen, während sinkende Sterblichkeit die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Menschen einen Teil ihrer Lebenszeit gemeinsam mit Verwandten in auf- und absteigender Linie verbringen. Diese Prozesse verschieben das Gleichgewicht zwischen vertikalen und horizontalen Verwandten und verändern die Struktur potenzieller Unterstützungsnetzwerke innerhalb von Familien.
Das Projekt besteht aus zwei sich ergänzenden Teilen. Der erste Teil erstellt demografische Projektionen von Verwandtschaftsstrukturen. Aufbauend auf neueren Entwicklungen in der Verwandtschaftsdemografie erzeugt das Projekt Projektionen der Kernfamilie und der erweiterten Verwandtschaft für alle Länder über das 21. Jahrhundert (berücksichtigt werden Eltern, Geschwister, Kinder, Großeltern, Enkelkinder, Tanten und Onkel, Nichten und Neffen sowie Cousins und Cousinen). Diese Projektionen beschreiben die erwartete Zahl und Zusammensetzung von Verwandten nach Alter, Geschlecht und Verwandtschaftstyp. Sie ermöglichen es, zu untersuchen, wie der demografische Wandel Verwandtschaftsstrukturen in unterschiedlichen Bevölkerungen umgestaltet.
Der zweite Teil untersucht, wie Bevölkerungsheterogenität Verwandtschaftsstrukturen prägt. Die meisten bestehenden Verwandtschaftsmodelle behandeln Bevölkerungen als demografisch homogen, obwohl demografische Prozesse stark sozial geschichtet sind. Der Geburtenrückgang setzt bei Hochgebildeten und jüngeren Kohorten häufig früher ein. Zudem unterscheiden sich Verbesserungen der Sterblichkeit zwischen sozioökonomischen Gruppen sowie zwischen Männern und Frauen, und Migration verändert familiäre Netzwerke je nach Region und Bevölkerung auf unterschiedliche Weise. Diese Prozesse führen zu erheblichen Unterschieden in den Verwandtschaftsstrukturen, sowohl zwischen demografischen Gruppen als auch innerhalb von Bevölkerungen.
Um diese Komplexität abzubilden, verbindet das Projekt Verwandtschaftsprojektionen mit einer expliziten Modellierung demografischer Heterogenität. Es stützt sich auf methodische Fortschritte bei demografischen Verwandtschaftsmodellen und in der stochastischen Mikrosimulation, um zwei sich ergänzende Quellen von Variation darzustellen: strukturelle Unterschiede zwischen demografischen Gruppen, die durch Merkmale wie Alter, Geschlecht, Bildung oder Wohnort definiert sind, sowie die Variabilität innerhalb von Gruppen, die aus demografischer Stochastizität und individuellen Unterschieden im Lebensverlauf entsteht.
Die Verbindung demografischer Projektionen mit Modellen der Bevölkerungsheterogenität ermöglicht es, über Schätzungen der durchschnittlichen Zahl von Verwandten hinauszugehen und die Verteilung von Verwandtschaftsstrukturen über Individuen und Gruppen hinweg sichtbar zu machen. Die daraus hervorgehenden Analysen bieten einen Rahmen, um zu verstehen, wie der demografische Wandel familiäre Netzwerke in verschiedenen Gesellschaften umgestaltet und wie sich die potenzielle Verfügbarkeit verwandtschaftlicher Unterstützung vor dem Hintergrund der Bevölkerungsalterung und sich wandelnder Familienmuster entwickelt.
Übersetzung des englischen Textes des MPIDR.