Nach Jahrzehnten des Wandels bei Partnerschaft und Elternschaft ist familiäre Vielfalt (d. h. Familienformen jenseits der verheirateten heterosexuellen Kernfamilie) zu einem zentralen Thema für Forschung und Politik gleichermaßen geworden. Zu diesen Familienformen gehören nichteheliche Lebensgemeinschaften mit oder ohne Kinder, Mehrgenerationenfamilien, Alleinstehende und Alleinerziehende, Patchwork- und Stieffamilien sowie gleichgeschlechtliche Paare und Eltern. Für die letztgenannte Gruppe konzentriert sich die bisherige Forschung jedoch relativ eng auf queere Menschen in Partnerschaften (d. h. Menschen, die sich als lesbisch, schwul, bisexuell oder queer identifizieren oder eine andere nicht-heterosexuelle Orientierung haben). Das Projekt erweitert diesen Blick, indem es stattdessen die sozialen und verwandtschaftlichen Netzwerke queerer Menschen in den Mittelpunkt stellt, und schafft so eine bessere soziologische und demografische Evidenzbasis zu queeren und gewählten Verwandten.
Das Projekt fragt neu, wer als verwandt gilt und wie Menschen Verwandtschaft erleben. Die Begriffe „Familie“ und „Verwandte“ werden hier synonym für Beziehungen verwendet, die auf biologischen oder rechtlichen Bindungen (z. B. Adoption, Ehe) beruhen; sie umfassen sowohl die Kernfamilie (d. h. Eltern und Kinder) als auch Beziehungen in der erweiterten Familie (z. B. Cousins und Cousinen, Großeltern). Das Projekt unterscheidet zwischen „gewählten“ und „nicht gewählten“ Verwandten. Erstere bezeichnen ein nichtbiologisches, nicht rechtlich begründetes Netzwerk, das ähnliche Unterstützung bietet, wie sie typischerweise eine Familie leistet – wobei durchaus auch viele „nicht gewählte“ Verwandte Teil einer „Wahlfamilie“ sein können.
Das erste Ziel des Projekts ist es, die familiären Bindungen und Beziehungen queerer Menschen zu verstehen. Zwar gibt es zunehmend Forschung zum Einfluss erweiterter Verwandter, insbesondere von Tanten sowie Cousins und Cousinen, auf das Leben queerer Menschen, doch ist wenig darüber bekannt, wie viele queere Verwandte ein Mensch erwarten kann und wie diese Zahl nach Verwandtschaftstyp und Geschlecht variiert. Auch die Qualität der familiären Bindungen queerer Menschen (einschließlich des Austauschs von Ressourcen, Unterstützung und Fürsorge) ist bislang wenig verstanden, insbesondere im europäischen Kontext. Das Projekt liefert neue Erkenntnisse über queere Verwandtschaft, indem es die erweiterten Verwandtschaftsnetzwerke queerer Menschen sowohl quantitativ erfasst (d. h. ihre Zahl und Struktur bestimmt) als auch qualitativ beschreibt (d. h. Ressourcen- und Fürsorgetransfers, Beziehungsqualität sowie inter- und intragenerationelle Unterstützung untersucht).
Das zweite Ziel besteht darin, die Rolle gewählter Verwandter im Leben queerer Menschen zu untersuchen. Obwohl die Akzeptanz sexueller Minderheiten weltweit zunimmt, erleben queere Menschen nach wie vor häufiger als heterosexuelle Menschen eine Entfremdung von ihrer Familie und soziale Ausgrenzung, was oft dazu führt, dass sie stärker auf gewählte Verwandte angewiesen sind. Das Projekt erweitert die bisherige Forschung, indem es die Rolle gewählter Verwandter in verschiedenen Lebensphasen sowie in unterschiedlichen sozialen und rechtlichen Kontexten untersucht.
Vor dem Hintergrund der Bevölkerungsalterung und schrumpfender Verwandtschaftsstrukturen zeigt das Projekt „Queer and Chosen Kinship“, wie Unterstützung und Solidarität auch außerhalb der heterosexuellen Kernfamilie bestehen können. Seine Ergebnisse können als Grundlage für politische Maßnahmen dienen, die auf eine stärkere Einbeziehung vielfältiger Familienformen abzielen. Darüber hinaus erweitert das Projekt unser theoretisches Verständnis davon, welche Rolle das soziale und rechtliche Umfeld für die sozialen und verwandtschaftlichen Bindungen queerer Menschen in unterschiedlichen Kontexten spielt.
Übersetzung des englischen Textes des MPIDR.